Doktorarbeit zur Schwulenbewegung

In meiner Dissertation widme ich mich der westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre. Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf dem Thema: Emanzipation.

Die zentrale Frage lautet, welche Bedeutung schwuler Emanzipation in der damaligen Bewegung zukam. Damit gemeint sind theoretisch-politische Konzepte von Befreiung, die in den schwulen Aktionsgruppen formuliert und niedergeschrieben wurden. Vor diesem Hintergrund wurden innerhalb unterschiedlicher Gruppen eigene, richtige Wege zur schwulen Emanzipation ausgehandelt – und andere als falsche verworfen. Darüber hinaus interessieren mich die je individuellen Vorstellung dessen, was Emanzipation bedeutet. Diese Erweiterung bedeutet unter anderem, dass lebensgeschichtliche Ereignisse oder bestimmte Phasen als persönliche Emanzipation verstanden wurden oder aus heutiger Sicht rückblickend auf diese Weise interpretiert werden.

Schwulendemo

Erste Schwulendemo in Deutschland. Münster, 29. April 1972. Rosa Geschichten – Schwul-lesbisches Archiv Münster.

Sammlungen

Meine Forschung zur Schwulenbewegung der 1970er Jahre begann im Schwulen Museum* Berlin. Das dortige Archiv enthält Bestände nahezu aller schwuler Aktionsgruppen der Zeit. Die mit Abstand größte Sammlung dieser Art stellt diejenige der Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) dar – die Gruppe, aus der später u.a. das heutige SchwuZ hervorgehen sollte. Sie lag noch unsortiert und teilweise in anderen Sammlungen gestreut vor. Während meiner Doktorarbeit bereitete ich die Sammlungen auf und katalogisierte sie nach archivalischen Maßstäben. Die Analyse der Schriften aus der HAW-Sammlung sowie kleinere Sammlungen wie jene der Rote Zelle Schwul (RotZSchwul) Frankfurt am Main oder der Initiativgruppe Homosexualität Bielefeld (IHB) stellen einen großen Teil meiner Doktorarbeit dar.

Archivmaterial
Archivmaterial

Interviews

In 23 Interviews mit 20 ehemaligen AktivistInnen in Westberlin, Hamburg, Würzburg, Bielefeld, Frankfurt am Main und Göttingen fragte ich nach deren Erinnerungen an die schwulenbewegte Zeit der 1970er Jahre. Die Analyse ihrer Erzählungen bildet den zweiten großen Teil meiner Doktorarbeit. Sie bieten eine Grundlage zur Deutung, welche Bedeutung sie aus heutiger Perspektive der Schwulenbewegung, schwuler Emanzipation und linker Politik gaben. Meine GesprächspartnerInnen gewährten mir persönliche und tiefgreifende Einblicke in ihre Lebensgeschichten. Entsprechend sensibel gehe ich in der Veröffentlichung ihrer Erzählungen vor, hole ihr Einverständnis für die Veröffentlichung ein und bleibe mit ihnen über Nachfragen in Kontakt.

Geschlechterforschung

Auf der Grundlage meines Studiums des Bachelor und Master in Gender Studies erarbeitete ich einen theoretischen Bezugsrahmen, um mich der Geschichte der Schwulenbewegung und ihren AkteurInnen zu nähern. Hierzu gehören feministische und psychoanalytische Herangehensweisen an kollektive Praktiken, an Forschung zu Sozialen Bewegungen, die Durchführung und Analyse von Interviews, Oral History und ein Verständnis von Erinnerung, die Arbeit mit Archivmaterial. Nicht zuletzt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer sozialen Bewegung, deren Aktivismus als Wissen bisher nicht in den den Kanon von Geschichte eingegangen ist, ist ein integraler Bestandteil der Geschlechterforschung.

Förderung

Mein Promotionsvorhaben wird gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Zeichnung des HAW-Aktivisten Wilfried Laule, 1972

Wilfried Laule 1972